Do. 23. November 2017

Trailer 18.30 Uhr Happy End

Frankreich, Deutschland, Österreich 2017
107 Minuten | FSK 12 empfohlen ab 16 Jahren

Wenig Widerspruch dürfte es geben, wenn man Michael Haneke als einen der wichtigsten zeitgenössischen (europäischen) Regisseure bezeichnet: zwei Palmen in Folge, ein Oscar,  zwei Golden Globes, eine Reihe Europäischer Filmpreise (BENNYS VIDEO, CACHÉ, DAS WEISSE BAND, LIEBE) und ungezählte weitere Auszeichnungen erhielt der 75-Jährige im Laufe seiner Karriere. Sein neuestes Werk überrascht und kann – selbstverständlich ohne dass dies despektierlich gemeint ist – fast schon als Leichtgewicht in seinem einzigartigen Œuvre bezeichnet werden. HAPPY END weist geradezu spielerische Elemente auf und er lässt uns beim Zuschauen unerwartete Freiheiten. Das Figurenensemble ist ungewöhnlich groß und der Plot fächert eine Vielzahl von Geschichten auf. Einige davon werden nur angedeutet, andere sind im Haneke-Kosmos schon erzählt (beispielsweise der Tod von Georges Frau oder die Tatsache, dass Enkelin Eve bevorzugt durch ihr Handy auf die Welt blickt), wieder andere könnten Stoff für neue Erzählungen werden. Fast ist man gewillt, dieses meisterhafte Drama über den Verfall des europäischen Bürgertums als Farce zu bezeichnen, aber dazu sind die Personen und ihre Beziehungen untereinander viel zu komplex, viel zu menschlich gezeichnet. Man könnte sogar das eine oder andere Mal in Gelächter ausbrechen, wenn man es sich angesichts von so elegant und stilsicher gezeichnetem Grauen trauen würde.


Der Schauplatz ist Calais, und bei einem kurzen Besuch am Strand erkennen wir, was das bedeutet, an den schief im Sand liegenden unzerstörbaren Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg oder an der Gegenwart von afrikanischen Flüchtlingen zwischen Ausbeutung und Vogelfreiheit. Hier kämpft die Unternehmerdynastie Laurent ums Überleben von Firma und Familie. Anne, die Patriarchin, hält sie mit Selbstdisziplin und Verhandlungstaktik am Leben. Fragt sich nur, für wen. Georges, der entmachtete Vater, ist nur noch auf der Suche nach einer geeigneten Art, aus dem Leben zu scheiden, der Sohn Pierre für die ihm zugedachte Rolle gänzlich ungeeignet, der Bruder Thomas, der mit seiner Frau hier lebt, mit einem eigenen Lebensentwurf und seinen eigenen Problemen mehr als beschäftigt, Annes englischer Freund hält sich als Rechtsanwalt auf Distanz. Noch residiert man im Stil der großen Familien: in der großzügigen Villa, mit nordafrikanischem Dienstpersonal und einem Rest großbürgerlicher Contenance. Doch die Welt der Laurents ist dem Untergang geweiht, und dieser Untergang ist insofern unerfreulicher als der der Buddenbrooks zum Beispiel, da er offensichtlich den Rest der Welt kein bisschen interessiert. 

R + B: Michael Haneke | K: Christian Berger |D: Isabelle Huppert (Anne Laurent), Jean-Louis Trintignant (Georges Laurent), Mathieu Kassovitz (Thomas Laurent), Fantine Harduin (Eve Laurent), Franz Rogowski (Pierre Laurent), Toby Jones (Lawrence Bradshaw)